Einschulung

Interview mit Darius Endlich

Bei der Einschulung sind spezifische Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb und der Erwerb mathematischer Kompetenzen bedeutsam, um einen guten Grundstein für das Erlernen zentraler Kulturtechniken zu legen. Diese Vorläuferfertigkeiten können mit dem neuen Testverfahren „Würzburger Vorschultest (WVT)“ im letzten Kindergartenjahr zuverlässig erfasst werden. Dabei können sowohl Entwicklungsverzögerungen als auch Entwicklungsvorsprünge festgestellt werden.

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Was verbirgt sich hinter dem „Würzburger Vorschultest (WVT)“?

Genau genommen handelt es sich um eine umfangreiche Testbatterie, die mehrere Kompetenzen im letzten Kindergartenjahr erfasst: Schriftsprachliche (Vorläufer-)Fertigkeiten, mathematische (Vorläufer-)Fertigkeiten und sprachliche Kompetenzen. In insgesamt 29 Untertests werden verschiedene Teilbereiche erfasst, die für das Erlernen der zentralen Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen von großer Bedeutung sind (Phonologische Bewusstheit, Buchstabenkenntnis, Zahlenkenntnis, Verständnis von Mengen u.a.). Über diese konkreten Vorläuferfertigkeiten hinaus werden weitere sprachliche Kompetenzen erfasst, die in der Schulkarriere etwa für das Textverständnis relevant werden (z.B. grammatikalische Kompetenzen, Satzverständnis).

Wer kann den Würzburger Vorschultest anwenden?

Der WVT kann von Erziehern und Therapeuten im Kindergarten, ebenso wie von Lehrkräften im Rahmen der Einschulungsdiagnostik eingesetzt werden. Im Testmanual werden ausführliche Hinweise zur Durchführung und Auswertung gegeben, die dem Anwender bei der Einarbeitung helfen sollen.

Wie läuft eine Testung mit dem WVT ab?

Bei der Testung werden dem Kind in einer Eins-zu-eins-Situation die verschiedenen Aufgaben mit wenigen Beispielaufgaben verdeutlicht. Für die unterschiedlichen Aufgaben kommen dabei neben Bildkarten auch Spielsteine und eine Audio-CD zum Einsatz. Der Testleiter trägt die Fragestellungen mithilfe der Angaben im Manual vor und notiert jeweils die Antworten des Kindes auf einem separaten Protokollbogen. Die Bearbeitungsdauer beträgt insgesamt etwa 60 Minuten.

Wie kann die Aufmerksamkeit und/oder die Motivation der Kinder bei 60 Minuten Durchführungsdauer aufrechterhalten werden?

Die drei Bereiche bilden unabhängige Module. Jedes Modul nimmt etwa 20 Minuten in Anspruch und man kann eine Testung mit den einzelnen Modulen an verschiedenen Tagen durchführen oder auch Pausen zwischen den Modulen machen. Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder nicht überfordert. Jedes Modul setzt sich zudem aus mehreren Untertests zusammen, die als kleine Spiele nacheinander eingeführt werden. Dieser ständige Wechsel von einem Spiel zum nächsten führt dazu, dass die Motivation der Kinder hoch bleibt, da somit die Testsituation nicht eintönig oder langweilig wird. Auf der Basis der Vorstudien haben wir jene Aufgaben ausgewählt, die besonders aussagekräftige und zuverlässige Ergebnisse erbringen. Somit konnten wir den Test vergleichsweise schlank halten, um die Kinder nicht mit unnötig vielen Einzelaufgaben je Untertest zu belasten. Da der WVT eine Vielzahl an Kompetenzen bzw. Vorläuferfertigkeiten erfasst, ist dennoch eine Testdauer von 60 Minuten vonnöten. Dafür liefert der WVT jedoch auch umfassende Einblicke in das Leistungsprofil der getesteten Kinder.

Unterscheidet dieses umfassende Leistungsprofil den WVT von anderen Vorschultests, die auf die Erfassung einzelner Kompetenzen fokussieren?

Das ist sicherlich eine der Besonderheiten des WVT. Nach Auswertung aller drei Module werden durch einen einzigen Blick auf den Profilbogen die Ergebnisse des jeweiligen Kindes in Bezug auf mehrere Teilkompetenzen rasch ersichtlich. Dabei werden die Testergebnisse des Kindes in Bezug zur Normierungsstichprobe gesetzt. Die Stichprobe umfasst 417 Kinder aus sechs Bundesländern.
Daneben ist insbesondere ein weiterer Aspekt kennzeichnend für den WVT: So sind die meisten Testverfahren, welche vor der Einschulung eingesetzt werden können, als „Screening-Verfahren“ konzipiert. Sie dienen also der eher oberflächlichen Früherkennung von Entwicklungsrückständen. Durch das Einarbeiten ausreichend schwieriger Einzelaufgaben und Untertests kann der WVT darüber hinaus nicht nur Schwächen der Kinder, sondern auch verlässlich deren Stärken in den jeweiligen Teilbereichen herausstellen.

Angenommen, man benötigt kein vollständiges Leistungsprofil: Ist es auch möglich, nur ein einzelnes Modul durchzuführen?

Ja, der Aufbau des WVT ist sehr flexibel. Jedes der drei Module kann auch einzeln eingesetzt werden. Falls z.B. nur die mathematischen Vorläuferfertigkeiten für eine Fragestellung relevant sind, kann auch nur das Modul für die mathematischen Vorläuferfertigkeiten durchgeführt und ein separater Normwert ermittelt werden. Eine Interpretation ist so auch ohne die Bildung des Gesamtwertes möglich. Wer von vorneherein weiß, dass er nur einen Bereich testen möchte, kann das entsprechende Modul auch einzeln erwerben.

Wann genau kann der WVT eingesetzt werden?

Der WVT wurde im letzten Kindergartenjahr vor der Einschulung normiert. Zuverlässige Vergleichswerte (Normwerte) liegen zu zwei Zeitpunkten vor: 10 bis 11 Monate und 4 bis 5 Monate vor der Einschulung. Wird eine Testung zwischen diesen Zeiträumen durchgeführt, so kann zwar kein exakter Vergleich mit der Normierungsstichprobe erfolgen, durch einen Vergleich mit beiden Normierungszeitpunkten ist jedoch auch in diesem Fall eine gute Orientierung für eine Einschätzung gewährleistet.

Eine Testsituation ist mit vielen Unwägbarkeiten verbunden, insbesondere bei jüngeren Kindern, die mit Testsituationen noch nicht so vertraut sind. Wie zuverlässig sind die Ergebnisse, die der WVT liefert?

Natürlich ist bei einem Testverfahren nie gänzlich auszuschließen, dass ein Kind z.B. gerade einfach einen schlechten Tag hat. Unsere Auswertungen zeigen jedoch, dass der WVT insgesamt sehr gute Gütekriterien aufweist: Obgleich das Antwortverhalten im Kindergarten grundsätzlich noch nicht so stabil ist wie bei älteren Kindern, fanden wir eine hohe Übereinstimmung in der Leistung vom ersten zum zweiten Erhebungszeitpunkt (die Retestreliabilität lag bei .82 bis .85). Die interne Konsistenz lag mit einem Cronbachs Alpha von .91 bis .95 sogar im sehr guten Bereich. Darüber hinaus haben wir Erzieher um ihre Einschätzung bzgl. der sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten der Kinder gebeten. Die Zusammenhänge zwischen ihren Angaben und den im WVT gemessenen Leistungen waren hoch (Korrelationen von .54 bis .61) und liefern somit einen weiteren Hinweis auf eine angemessene Gültigkeit des Testverfahrens.

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