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Träume in der Kognitiven Verhaltenstherapie

Das Aufwachen aus einem merkwürdigen oder auch schönen Traum ist ein allseits bekanntes Phänomen. In der Psychotherapie war die Arbeit mit Träumen bisher hauptsächlich ein Themengebiet der Psychoanalyse. Wir haben mit dem Autor Prof. Dr. Reinhard Pietrowsky darüber gesprochen, welchen Nutzen die Traumarbeit auch in der Kognitiven Verhaltenstherapie hat.

Herr Pietrowsky, die Arbeit mit Träumen kommt sonst eher in der Psychoanalyse vor. Woran liegt es, dass bisher in der KVT kaum damit gearbeitet wird?
Das hat zwei Gründe: zum einen ist die Arbeit mit Träumen traditionell in der Psychoanalyse beheimatet, die hierfür ja auch ein Theoriegebäude entwickelt hat. In der KVT fehlt das, weil die Arbeit mit Träumen weder im Sinne von Lernmechanismen noch im Sinne einer kognitiven Arbeit als ätiologisch relevant und therapeutisch nutzbringend angesehen wurde. Daraus folgte zum anderen, dass die KVT lange Zeit kein Methodeninstrumentarium entwickelt hat, wie mit Träumen in der Therapie umgegangen werden kann. Verhaltenstherapeut*innen waren daher oft ratlos, wie sie Träume in die Therapie integrieren sollten, selbst wenn sie das gern getan hätten.

Was für Unterschiede gibt es zwischen der Traumarbeit in der Psychoanalyse und der Arbeit mit Träumen in der KVT?
In der Psychoanalyse geht es bei der Traumarbeit vorrangig darum, den Traum zu deuten, um dadurch aus dem manifesten Trauminhalt auf den angenommenen latenten Trauminhalt zu schließen, der für die weitere psychoanalytische Arbeit von Bedeutung ist. In der KVT geht es bei der Arbeit mit Träumen primär darum, einen Bezug zwischen den Träumen und den (pathologisierenden) Faktoren des Wachlebens herzustellen, um dann auf diese therapeutisch einwirken zu können. Mit anderen Worten: In der KVT geht man davon aus, dass Probleme und kognitiv-emotionale Schemata des Wachlebens sich auch in Träumen ausdrücken. Aus der Analyse der Träume lässt sich somit auf Probleme im Wachleben und auf (dysfunktionale) kognitiv-emotionale Muster schließen, die dann psychotherapeutisch bearbeitet werden können. Während in der Psychoanalyse die Arbeit mit Träumen eher dazu dient, dass die Analytiker*innen deutungsfähiges Material erhalten, geht es in der KVT darum, aus der Arbeit mit Träumen konkrete Einsichten und Verhaltensänderungen für die Patient*innen zu entwickeln.

Verhaltenstherapeutische Ansätze für die Arbeit mit Träumen

Wann und wie kann in der KVT mit Träumen gearbeitet werden?
Aus dem, was gerade gesagt wurde, wird deutlich, dass die Arbeit mit Träumen in der KVT vor allem dazu genutzt werden kann, diagnostische Hinweise zu bekommen. Daher ist es gerade zu Beginn einer Therapie hilfreich, mit Träumen zu arbeiten. Das fördert und intensiviert zudem die therapeutische Beziehung auf ganz enorme Weise. Aber auch im Verlauf einer Therapie kann immer wieder mit Träumen gearbeitet werden, wenn die Patient*innen mit Träumen in die Therapie kommen, über die sie gern sprechen möchten oder wenn die Therapie aus irgendwelchen Gründen stockt. Im letztgenannten Fall ist es oft so, dass über die Arbeit mit Träumen neue Einsichten oder neue Themen gefunden werden können, die den Therapieprozess hilfreich anregen.

Gibt es verschiedene Ansätze zum Arbeiten mit Träumen und wie unterscheiden sich diese?
Es gibt verschiedene verhaltenstherapeutische Ansätze zur Arbeit mit Träumen. Deren Unterschiede sind gar nicht so groß, sie liegen eher in Details. Vielmehr sind deren Gemeinsamkeiten zu betonen, nämlich die Annahme, dass Träume mit den kognitiv-emotionalen Schemata und Belastungen des Wachlebens verbunden sind und sie eine für jeden Träumenden individuell bedeutsame Aussage enthalten. Gemeinsam ist diesen Ansätzen auch, dass eine regelhafte Abfolge der Exploration des Traums über eine Interpretation der möglichen Traumbedeutung zu einer Handlungsimplikation führt. Es geht in allen diesen Ansätzen immer darum, aus der Arbeit mit Träumen konkrete Ableitungen für die Therapie und für Verhaltensänderungen zu entwickeln.

Ist die Arbeit mit Träumen nur in der Einzeltherapie möglich oder auch in einem Gruppensetting? Wie läuft dies ab?
Beides ist möglich. Es gibt mehr Ansätze zur Einzeltherapie und hier kann sicherlich auch individuell vertiefter gearbeitet werden. Auf der anderen Seite bietet das Gruppensetting die Möglichkeit, Anregungen auch von den Gruppenmitgliedern und nicht nur der/dem Therapeut*in zu bekommen, was in vielen Fällen einen zusätzlichen Nutzen darstellen kann. Zudem hat es oft eine entlastende Wirkung, wenn man als Patient*in die Träume anderer Gruppenmitglieder kennenlernt und dann mögliche Ähnlichkeiten zu den eigenen Träumen und Traumemotionen erkennen kann. Dadurch werden die eigenen Träume angstfreier erlebt.

Perspektiven der Traumarbeit

Was für Möglichkeiten und Chancen entstehen durch die Arbeit mit Träumen in der Therapie?
Da sehe ich sehr viele. Wie schon gesagt, ist die Arbeit mit Träumen sehr gewinnbringend für die therapeutische Beziehung. Es hat etwas sehr Persönliches und zugleich Vertrauensvolles, wenn die Träume der Patient*innen besprochen werden, und das führt nach meiner Erfahrung sehr schnell zu einer guten Beziehung. Oft ist es auch so, dass Patient*innen von sich aus mit Träumen in die Therapie kommen, wenn sie wissen, dass diese mit ihren Therapeut*innen besprochen werden können. Daneben ist die Arbeit mit Träumen für diagnostische Zwecke und beim Auftreten von Schwierigkeiten in der Therapie sehr hilfreich. Generell ist es so, dass am Ende der Arbeit mit Träumen eine konkrete Handlungsimplikation, also Verhaltensänderung, stehen sollte, die im größeren Rahmen der jeweiligen Psychotherapie steht und diese ergänzt und unterstützt.  Ob die Interpretationen der Träume und die Schlüsse, die daraus gezogen werden, richtig oder falsch sind, lässt sich oft nicht bestimmen. Richtig oder falsch ist aber auch kein Kriterium, entscheidend ist vielmehr, dass sie zu der Therapie hilfreich beitragen. Die Arbeit mit Träumen ist daher als ein Instrument (unter anderen) zu sehen, um die generellen Ziele einer KVT zu erreichen.

Wie kann mit Alpträumen umgegangen werden?
Da gibt es die Imagery Rehearsal Therapie, ein gut evaluiertes und effektives Therapieverfahren, bei dem der Alptraum so verändert wird, dass der Verlauf auf den/die Träumende*n nicht mehr ängstigend oder bedrohlich wirkt. Diese neue „Traumgeschichte“, die gemeinsam von Patient*in und Therapeut*in entwickelt wird, wird dann regelmäßig dem/der Patient*in Zuhause intensiv vorgestellt. Das führt dazu, dass diese neue Traumgeschichte den ursprünglichen Alptraum überschreibt und dieser nicht mehr so oft oder in abgeschwächter Form auftritt. Dieses Verfahren kann bei sogenannten idiopathischen Alpträumen, also den „normalen“ Alpträumen, aber auch bei posttraumatischen Alpträumen eingesetzt werden. Daneben gibt es noch die Möglichkeit, Alpträume als luzide Träume während des Träumens selbst zu beeinflussen und zu verändern. Das halte ich für eine sehr elegante Methode, sie setzt aber voraus, dass man über die Fähigkeit zum luziden Träumen verfügt oder diese erlernt hat, was vermutlich nicht allen Menschen gegeben ist.

Wie erleben Sie persönlich die Arbeit mit Träumen in der KVT?
Für mich, wie auch für die Patient*innen, ist es immer wieder überraschend, welche Ideen und Erkenntnisse aus der Arbeit mit Träumen entstehen. Das ist meistens nie vorhersagbar und immer sehr subjektiv. Und es ist auf jeden Fall eine sehr kreative und schöne Arbeit, in der sich Patient*in und Therapeut*in auf Augenhöhe begegnen.
 

Herr Prof. Dr. Pietrowsky, vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Reinhard Pietrowsky

1978–1985 Studium der Psychologie in Tübingen. 1986-1990 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Physiologischen Institut der Universität Ulm. 1990-1992 Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Physiologische Psychologie der Universität Bamberg, 1992-1997 Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Neuroendokrinologie der Medizinischen Universität zu Lübeck. 1990 Promotion. 1996 Habilitation. 1999 Approbation als Psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie). Seit 1997 Professor für Klinische Psychologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Arbeitsschwerpunkt: Schlaf- und Essstörungen.

Das sagt der Dorsch zu:

Verhaltenstherapie, kognitive Verhaltenstherapie [= VT] [engl. (cognitive) behavioral therapy], [KLI], Psychotherapieverfahren, das nach den Psychotherapie-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses als Verfahren i. S. einer Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung (als Richtlinien-Verfahren) anerkannt ist. Die zwei Begrifflichkeiten kogn. VT und VT werden heute überwiegend deckungsgleich verwendet. Historisch betrachtet kann VT jedoch auch als Behandlungsform verstanden werden, ...

 

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