Technologiebasierte Eignungsdiagnostik: Warum Akzeptanz, Fairness und Validität entscheidend bleiben
Technologiebasierte Eignungsdiagnostik prägt die Personalauswahl zunehmend: Digitale Tests, Video-Interviews und KI-gestützte Analysen machen Prozesse effizienter, flexibler und skalierbarer. Für HR entstehen dadurch neue Chancen – etwa in der Verarbeitung großer Bewerbendenzahlen oder der objektiveren Entscheidungsfindung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Qualität, Fairness und Transparenz. Denn nicht jede technologische Innovation verbessert automatisch die Diagnostik. Das Interview mit Prof. Dr. Johannes Basch und Prof. Dr. Markus Langer, Autoren von „Technologie- und KI-basierte Eignungsdiagnostik“, beleuchtet, welche Verfahren heute relevant sind, wo typische Fehler bei der Einführung liegen und wie Unternehmen Technologie und KI verantwortungsvoll in der Eignungsdiagnostik einsetzen.
Bild: Shutterstock / MarutStudio
Was ist unter technologie- und KI-basierter Eignungsdiagnostik zu verstehen, und welche Verfahren gehören dazu?
Technologie- und KI-basierte Eignungsdiagnostik umfasst den Einsatz digitaler Technologien zur Durchführung, Unterstützung oder Auswertung von Auswahlverfahren. Einerseits umfasst dies die digitale Umsetzung bekannter, analoger Verfahren in einer digitalen Umwelt. Dazu gehören beispielsweise Online-Tests, Vorstellungsgespräche per Video oder digitale Testplattformen mit Spieleelementen. Andererseits gehören dazu aber zunehmend auch „neue“, KI-gestützte Verfahren auf Basis von maschinellem Lernen oder generativer KI. Diese Technologien ermöglichen eine orts- und zeitunabhängige Durchführung, die Analyse großer Datenmengen und die Simulation von Gesprächen und Interaktionen.
Warum hat die technologiebasierte Eignungsdiagnostik in den vergangenen Jahren so stark an Bedeutung gewonnen?
Die technologiebasierte Eignungsdiagnostik hat vor allem deshalb an Bedeutung gewonnen, weil die technischen Entwicklungen der vergangenen Jahre enorme neue Möglichkeiten geschaffen haben. Digitale Plattformen, KI-Anwendungen und moderne Analysemethoden versprechen effizientere Prozesse, eine größere Reichweite und neue Formen der Datenauswertung. Gleichzeitig verläuft die Entwicklung so rasant, dass viele Verfahren bereits eingesetzt werden, bevor ihre Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen ausreichend untersucht sind. Genau deshalb ist es heute wichtiger denn je, technologische Innovationen nicht nur zu nutzen, sondern auch kritisch und wissenschaftlich zu gestalten und zu bewerten.
Warum sind Akzeptanz, Fairness und Validität aus Ihrer Sicht die zentralen Bewertungskriterien technologiebasierter eignungsdiagnostischer Verfahren?
Akzeptanz, Fairness und Validität sind nicht nur für technologiebasierte, sondern für alle eignungsdiagnostischen Verfahren zentrale Qualitätskriterien. Sie machen deutlich, dass jede Gestaltungsentscheidung in einem Auswahlverfahren Konsequenzen hat – für Bewerbende ebenso wie für Unternehmen. Akzeptanz beeinflusst, wie professionell und wertschätzend ein Verfahren wahrgenommen wird und kann Auswirkungen auf das Unternehmensimage haben. Fairness ist eng mit Chancengleichheit und rechtlichen Anforderungen verbunden, und Validität entscheidet letztlich darüber, ob die richtigen Personen ausgewählt werden. Da technologische Innovationen immer neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen, ist es besonders wichtig, ihre Auswirkungen entlang dieser Kriterien kritisch zu prüfen. Genau dieser Frage widmet sich auch unser Buch.
Wo liegen die größten Chancen technologiebasierter Eignungsdiagnostik für Unternehmen und Bewerbende?
Die größten Chancen technologiebasierter Eignungsdiagnostik liegen in einer höheren Effizienz, Flexibilität und Skalierbarkeit von Auswahlprozessen. Unternehmen können große Bewerbendenzahlen schneller bearbeiten, administrative Tätigkeiten automatisieren und Kosten reduzieren. Gleichzeitig profitieren Bewerbende von orts- und zeitunabhängigen Verfahren, wodurch beispielsweise Reiseaufwand und damit auch der ökologische Fußabdruck verringert werden können. Darüber hinaus besteht die Hoffnung, dass technologische Verfahren zu objektiveren Entscheidungen beitragen und menschliche Verzerrungen reduzieren. Ob dieses Potenzial tatsächlich eingelöst wird, ist momentan noch schwer zu beantworten.
Welche Aufgaben kann KI in der Eignungsdiagnostik heute bereits zuverlässig übernehmen, und wo sehen Sie klare Grenzen?
KI kann in der Eignungsdiagnostik heute bereits viele unterstützende und administrative Aufgaben zuverlässig übernehmen. Dazu gehören beispielsweise die Analyse großer Datenmengen, die automatische Auswertung standardisierter Informationen, die Erstellung von Interviewfragen auf Basis definierter Anforderungsprofile oder die Transkription von Gesprächen. Deutlich kritischer – auch rechtlich kritischer - wird es, wenn KI nicht nur unterstützt, sondern Personen bewertet und Auswahlentscheidungen beeinflusst oder sogar komplett übernimmt. Hier besteht die Herausforderung, dass KI-Systeme nur so gut sind wie die Daten, mit denen sie trainiert wurden. Deshalb sollten KI-Anwendungen derzeit vor allem als Unterstützung für diagnostische Entscheidungen verstanden werden – nicht als Ersatz für eine wissenschaftlich fundierte und verantwortungsvolle Personalauswahl.
Welche Fehler machen Unternehmen aus Ihrer Sicht am häufigsten bei der Einführung technologie- und KI-basierter Diagnostikverfahren?
Ein häufiger Fehler besteht wohl darin, durch die Versprechungen der Digitalisierung und der KI die zentralen Ziele der Diagnostik aus den Augen zu verlieren. Es droht, dass am Ende neue Technologien oder KI-Anwendungen nur deshalb eingesetzt werden, weil sie modern wirken, Wettbewerber sie bereits nutzen oder Effizienzgewinne versprechen. Dabei wird zu wenig hinterfragt, welche Auswirkungen diese Verfahren tatsächlich auf die Qualität der Diagnostik haben. Wie bereits erwähnt kann jede Gestaltungsentscheidung – etwa dazu welche Interviewfragen genutzt werden, wie genau die entsprechende Technologie gestaltet wird – Konsequenzen für Akzeptanz, Fairness und Validität haben. Zusätzlich sollten die Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen der Einführung neuer Technologien geprüft und kontinuierlich evaluiert werden, um Evidenzen hinsichtlich ihrer Wirksamkeit oder eventuell notwendigen Anpassungen zu sammeln.
Was ist bei der praktischen Gestaltung technologiebasierter Auswahlverfahren zu beachten, damit sie als fair, transparent und professionell wahrgenommen werden?
Eine pauschale Antwort ist schwierig, weil jedes Auswahlverfahren eigene Gestaltungsoptionen mit sich bringt, die wiederum unterschiedliche Auswirkungen haben können – was eine der zentralen Aussagen in unserem Buch ist. Fair sind Verfahren dann, wenn sie Bewerbende nicht aufgrund geschützter Merkmale benachteiligen und allen vergleichbare Chancen bieten. Transparenz bedeutet, zielgerichtet zu kommunizieren, wie ein Verfahren funktioniert und welche Informationen erhoben und genutzt werden. Allerdings zeigt sich gerade hier, dass Gestaltungsentscheidungen oft Zielkonflikte mit sich bringen können: Mehr Transparenz kann beispielsweise gleichzeitig die Akzeptanz auf Bewerbendenseite stärken und zu Veränderungen im Bewerbendenverhalten beitragen. Professionalität lässt sich vor allem dadurch erreichen, dass zu jedem Zeitpunkt des Auswahlverfahrens klar ist, dass hier gute Gestaltungsentscheidungen getroffen wurden und die Ziele der Auswahl klar sind.
Wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen, welche Entwicklungen werden die technologiebasierte Eignungsdiagnostik in den kommenden Jahren voraussichtlich prägen?
Vorhersagen über die Zukunft zu treffen ist gerade bei der rasanten technischen Entwicklung in Bereichen wie der KI schwer. Wir lehnen uns aber womöglich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn wir sagen, dass technologiebasierte Eignungsdiagnostik in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen wird. Dazu gehören der verstärkte Einsatz von KI, technologievermittelten Interviews, Remote-Assessments und perspektivisch auch immersiven Technologien wie Virtual Reality, die die technologie-mediierte Kommunikation weiter verändern. Gleichzeitig werden ethische und rechtliche Fragen immer wichtiger. Spannend wird zudem das zunehmende Zusammenspiel von generativer KI auf beiden Seiten des Auswahlprozesses – Unternehmen nutzen KI zur Gestaltung von Verfahren, während Bewerbende KI zur Vorbereitung und Unterstützung einsetzen. Die Zukunft liegt wahrscheinlich nicht in einer vollständigen Automatisierung der Personalauswahl und Diagnostik, sondern in einem verantwortungsvollen und gut integrierten Zusammenspiel von Technologie, wissenschaftlicher Evidenz und menschlicher Entscheidungskompetenz.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Prof. Dr. Johannes Basch
Prof. Dr. Johannes Basch, geb. 1991. 2011-2016 Studium der Psychologie in Ulm. 2017-2022 Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Ulm. 2020-2023 Co-Founder und Geschäftsführer der Personalberatung mindwise. Seit 2022 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Neu-Ulm. Arbeitsschwerpunkt: Digitalisierung im Personalwesen, technologie-mediierte Vorstellungsgespräche, (Technologie-mediierte) Kommunikation in Auswahlprozessen.
Prof. Dr. Markus Langer
Prof. Dr. Markus Langer, geb. 1989. 2009-2015 Studium der Psychologie in Saarbrücken. 2015-2022 Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität des Saarlandes. 2018 Promotion. 2023 Habilitation. 2023 Juniorprofessor für Digitalisierung in psychologischen Handlungsfeldern an der Philipps-Universität Marburg und Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Georg-August Universität Göttingen. Seit 2024 Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Arbeitsschwerpunkt: menschzentrierte Gestaltung Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung im Personalwesen.
Das könnte Sie auch interessieren
Wie moderne Personalentwicklung Orientierung in der flexiblen und digitalen Arbeitswelt schafft
Flexibles Arbeiten braucht klare Kompetenzen: Wie Personalentwicklung Teams stärkt, Zusammenarbeit verbessert und Orientierung in einer zunehmend…
Gesund führen in der hybriden Arbeitswelt
Führungskräfte sind der hybriden Arbeitswelt besonders gefordert. Wenn sie ihre Mitarbeitenden gut führen wollen, müssen sie nicht nur auf deren,…