DeutschKlinik und Therapie

Das Sprachsystematische Aphasiescreening (SAPS)

Mit dem Sprachsystematischen Aphasiescreening (SAPS) liegt erstmals ein standardisierter Aphasietest vor, der gleichzeitig die Vielfalt von sprachsystematischen Störungen abdeckt und eine direkte Ableitung von Schwerpunkten für die anschließende störungsspezifische Behandlung erlaubt. Das SAPS als neu entwickeltes Testinstrument wurde in einer Machbarkeitsstudie erprobt und mit Daten aus einer multizentrischen Studie normiert.

Von Stefanie Bruehl.

Konzeption des SAPS

Das Sprachsystematische Aphasiescreening (SAPS) ist ein für die deutsche Sprache entwickeltes, modellbasiertes, psychometrisch abgesichertes und normiertes Verfahren zur Erfassung aphasischer Störungsmuster als Ausgangspunkt für sprachtherapeutische Behandlungsplanung und sprachliche Verlaufsuntersuchungen. Insgesamt sind Diagnostik, Therapieplanung und Verlaufsbeobachtung mit dem SAPS so konzipiert, dass sie einfach, auf einen Blick ersichtlich und gut aufeinander abgestimmt erfolgen können.

Ziele

Mit dem SAPS können folgende diagnostisch und therapeutisch relevante Ziele erreicht werden:

  • Das individuelle sprachlichen Leistungsmusters einer Person mit Aphasie wird erhoben.
  • Erhaltene und gestörte sprachliche Funktionen werden in nach Modalität und sprachlicher Komplexität abgestuften sprachlichen Domänen (siehe SAPS-Abbildung) erfasst.
  • Es können störungsspezifische Therapieschwerpunkte auf individuell passendem Schwierigkeitsniveau ausgewählt werdend, da sie direkt aus dem individuellen Leistungsmuster abgeleitet werden.
  • Es werden Aufgaben mit entsprechenden Kontroll- und Trainingsitems für die sprachtherapeutische Intervention bereitgestellt.
  • Die Leistungsentwicklung im Verlauf der sprachtherapeutischen Intervention kann verfolgt werden.
  • Es werden Hinweise gegeben, welche Einflussfaktoren im individuellen Fall bei der Auswahl von Übungsmaterial bedeutsam sind, und welche Defizite weiter abgeklärt werden sollten.

Testaufgaben und Auswertung

Das SAPS überprüft die psycholinguistischen Domänen der Laute (Phonologie/Phonetik), der Bedeutung bzw. des Wortspeichers (Lexikon/Semantik) und des Wort- bzw. Satzbaus (Morphologie/Syntax) auf verschiedenen Anforderungsstufen sowohl in rezeptiver als auch in expressiver Modalität (siehe SAPS-Abbildung). Die Durchführungsdauer beträgt 60-90 Minuten. Abbruchkriterien erlauben die vorzeitige Beendigung einzelner Aufgaben.

Die Auswertung dauert 15-30 Minuten, je nachdem ob online oder offline bewertet wird. In der Auswertung kann der*die Therapeut*in einerseits ermitteln, wann eine Leistung beherrscht, unsicher beherrscht oder nicht beherrscht ist (kriteriumsorientierte Leistungsmessung). Aufgrund der großen Normstichprobe (n = 156) kann andererseits das individuelle Leistungsmuster im Vergleich zur Population von Personen mit Aphasie gemessen werden; hier sind zufallskritisch abgesicherte Profilanalysen eines Zeitpunktes und Vergleiche bei wiederholter Messung möglich.

Zielgruppe

Das SAPS richtet sich an alle sprachdiagnostisch und -therapeutisch ausgerichteten oder interessierten Berufsgruppen in Forschung und Praxis. Das SAPS ist generell für Personen mit post-akuter und chronischer Aphasie einsetzbar, solange zumindest ein Ansatz von intentionaler sprachlicher Kommunikation bei den betroffenen Personen erkennbar ist.

Therapieableitung

Basierend auf dem SAPS-Leistungsmuster kann die Sprachbehandlung von aphasischen Personen direkt auf das Muster gestörter und erhaltener Leistungen ausgerichtet werden. Die Wahl der Schwerpunkte ist prinzipiell frei wählbar: Es können nicht beherrschte Aufgaben zur rein störungsspezifischen Ausrichtung, und/oder unsicher beherrschte Leistungen zur Stärkung von Leistung und Motivation, und/oder beherrschte Leistungen zur Optimierung erhaltener Fähigkeiten, Kompensation und Verständnis der eigenen Leistungsfähigkeit, gewählt werden. Die Entscheidung für die empfohlenen 2-6 Schwerpunkte und die passenden Therapiemethoden können individuell getroffen und im Verlauf der Zeit je nach Bedarf und Bedürfnissen der zu behandelnden Person angepasst werden. Somit sind im SAPS die sprachsystematische Diagnostik und Therapie eng verknüpft.

Therapieanleitung mit ESKOPA-TM

Eine besonders enge und praxisnahe Verknüpfung der SAPS-Diagnostik mit aktuellen sprach-therapeutischen Ansätzen und Methoden bietet das Therapiemanual ESKOPA-TM (Grewe et al., 2020). Es gibt eine detaillierte Anleitung zur sprachtherapeutischen Behandlung, basierend auf den individuellen Ergebnissen aus SAPS und seinem partizipationsorientierten Pendant, dem KOPS. Dabei werden passende Materialien und eine Auswahl an Stimuli für die entsprechende Therapie mit direkter Verlaufsbeobachtung (Monitoring) zur Verfügung gestellt. Ausgangs- und Abschlussdiagnostik sowie Zwischentestungen zur Erhebung der Leistungsentwicklung werden wiederum durch die Testinstrumente SAPS und KOPS abgedeckt.

 

Literaturhinweise

Breitenstein, C., Grewe, T., Flöel, A., Ziegler, W., Springer, L., Martus, P., Baumgärtner, A. (2017). Intensive speech and language therapy in patients with chronic aphasia after stroke: A randomised, open-label, blinded-endpoint, controlled trial in a health-care setting. Lancet, 389(10078), 1528–1538.
doi.org/10.1016/S0140-6736(17)30067-3

Bruehl, S., Huber, W., Longoni, F., Schlenck, K.-J., & Willmes, K. (2022). Sprachsystematisches Apha-siescreening (SAPS). Göttingen: Hogrefe.

Glindemann, R., Zeller, C., & Ziegler, W. (2018). KOPS: Kommunikativ-pragmatisches Screening für Pati-enten mit Aphasie. Untersuchung verbaler, nonverbaler und kompensatorisch-strategischer Fähigkeiten. Bilder von Michaela Bautz. Hofheim: NAT-Verlag.

Grewe, T., Baumgärtner, A., Bruehl, S., Glindemann, R., Domahs, F., Regenbrecht, F., Thomas, M. (2020). Evidenzbasierte sprachsystematische und kommunikativ-pragmatische Aphasietherapie (ES-KOPA-TM). Göttingen: Hogrefe.

Krzok, F., Chwalek, V., Niemann, K., Willmes, K., & Abel, S. (2018). The novel language-systematic aphasia screening SAPS: Screening-based therapy in combination with computerised home-training. International Journal of Language and Communication Disorders, 52(2), 308–323.

Priv.-Doz. Dr. Stefanie Bruehl

Priv.-Doz. Dr. Stefanie Bruehl, geb. 1972. 2001 Magister in Deutscher Philologe, Philosophie, Politischer Wissenschaft. 2002-2003 Sprachtherapeutin, 2003-2006 Promotionsstipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. 2006-2014 Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Unikliniken Freiburg und Aachen (UKA). 2007 Promotion. Habilitation 2012, bis 2021 Privatdozentin am UKA. 2013-2014 Stellvertretende Leiterin der Sprachambulanz am UKA und Professorin für Neuropsychologie & Neurolinguistik der SRH Gera. 2015 Anerkennung als Klinische Linguistin (BKL). 2015-2022 (Honorary) Clinical Senior Lecturer, University of Manchester. Seit 2019 Leitung der Sprach- und Musiktherapie, St. Mauritius Therapieklinik Meerbusch. 2021 Umhabilitation an die Heinrich-Heine Universität Düsseldorf. Arbeitsschwerpunkte: Neue Methoden der Diagnostik/Behandlung von neurogenen Sprach- und Sprechstörungen. Weitere Informationen auf steffiebruehl.de